Die Gründung des Zisterzienserordens im Jahre 1098
Autor: Norbert Orthen
Die Krise des Klosters um das Jahr 1000 und die Reform von Cluny
Etwa 500 Jahre nach Gründung des Benediktinerordens war für die meisten Klöster eine ernsthafte Krise angebrochen. Die Klöster waren im Laufe der Jahrhunderte durch Schenkungen und Zugewinn immer reicher geworden, so dass sich die Mönche einen zum Teil recht weltlichen Lebensstil angeeignet hatten und ihre geistlichen und geistigen Pflichten vernachlässigten. Gelübde und Klosterordnung nach der Regel des hl. Benedikt wurden oft nicht mehr beachtet. Gegen diese allgemeine Tendenz versucht bereits um das Jahr 800 Benedikt von Aniane (+821) mit einer groß angelegten Reform der fränkischen Klöster entgegenzuwirken. Seine Reformbewegung zerfällt jedoch mit dem Zusammenbruch des Karolingerreiches.
In Burgund aber knüpft Cluny, nachdem sich ab 888 die politische Landschaft verändert hatte, an die Reformbewegung Benedikt von Anianes an, die dort durch große Äbte, wie z.B. Odo, einem Freund Kaiser Heinrichs II., getragen wird und sich im 10. Jahrhundert von hier aus rasch in Europa verbreitet. Schon bald unterstehen in Europa etwa 1500 Klöster der strengen cluniazensischen Reform. Gottesdienst und Gebet bestimmen wieder das Leben der Mönche. Jedes Kloster der Reform untersteht unmittelbar dem Abt von Cluny. Diese einheitliche Leitung und strenge Disziplin bescherten dieser Reformbewegung eine fast 200jährige Blüte, die aber schließlich in ihrer liturgischen Kultur und zentralistischen Führungsstruktur doch auch wieder eine gewisse Erstarrung findet.
Weitere Reformbewegungen
Neben Cluny treten auch andere Kräfte und Klöster für die Reform des Mönchtums ein, wobei hier nur die Klöster Gorze bei Metz unter Abt Johannes (+974) und Brogne unter Abt Gerhard (+959) genannt seien, die ihrerseits wiederum eine Reihe von Klöstern beeinflussen konnten.
Neben diesen Wegen der Reform gibt es, vor allem in Italien, eine Tendenz, auf die Anfange des Mönchtums zurückzugreifen, indem neben der Beibehaltung der benediktinischen Regeln eremitische Ideale integriert werden. Hier sind z.B. der durch den hl. Romuald (ca. 952-1027) gegründete Orden der Kamaldulenser, der durch die Unterstützung des hl. Kardinals Petrus Damiani (1007-1072) großen Auftrieb erfährt, oder der durch Johannes Gualberti (ca. 1000-1073) gegründete Orden der Vallombrosaner anzuführen. Während die Kamaldulenser am Eremitenideal ebenso wie die vom hl. Bruno von Köln (+1101) gegründeten Kartäuser, die allerdings nie die Benediktinerregel annahmen, festhielten, entwickelte sich in Vallombrosa ein kontemplatives Ordensideal.
Auch unter den Kanonikern, die an den Kathedral- und Stiftskirchen saßen, findet die Reformbewegung ihre Anhänger. In Prémontré gründet Norbert von Xanten (+1134) einen Orden, der bereits zur Zeit seines Todes 614 Klöster und Zehntausende von Mönchen (Prämonstratenser) zählt. Norberts Orden verbindet benediktinisches Mönchtum mit apostolischer Arbeit, ist aber der Struktur nach ein Kanonikerorden mit augustinischer Ausrichtung. Vor diesem Hintergrund ist nun das, was in dieser Zeit von Cîteaux ausgeht, kein singuläres Ereignis.
Robert von Molesme und Cîteaux
In Molesme, einem von Cluny beeinflussten Kloster, bemüht sich der Abt Robert (*ca. 1028, +1111), der das Kloster 1075 mit Eremiten errichtet hatte, zusammen mit seinem Prior Alberich und einer Gruppe von Mönchen ebenfalls um ein strengeres Ordensleben im Sinne der Benediktinerregel. Als das Kloster aber infolge des anwachsenden Besitzes auch wieder in feudalistische Strukturen verfällt und weitere Reformen anstehen, kommt es innerhalb des Konvents von Molesme zu Widerstand, sodass der Abt mit 21 Anhängern im Jahr 1098 Molesme verlässt und sich südlich von Dijon in der Gegend von Langres in Cîteaux niederlässt, wo er am 21. März 1098, dem Fest des hl. Benedikt, ein neues Kloster in abgelegener Lage gründet. 1099 muss Abt Robert jedoch auf päpstlichen Befehl und auf Bitten seines früheren Konvents nach Molesme zurückkehren. Die Leitung des neuen Klosters übernimmt Alberich, der frühere Prior. Unter seiner Abtsherrschaft (1099 -1108) erfolgt die kirchenrechtliche Bestätigung der Gründung und das Kloster wird unter den Schutz des Hl. Stuhles gestellt.
Alberichs neue Ordenssatzung
Abt Alberich legt die wesentlichen Punkte der neuen Ordenssatzung fest, in der es u. a. heißt:
Oberste Richtschnur der Reform ist die Reinheit der Benediktinerregel (puritas regulae) und Lebensorientierung nach der Regel (rectitudo regulae). Auch die Mönche sind fortan zur Handarbeit verpflichtet. Zu ihrer Unterstützung werden Laienbrüder in die Klosterfamilie aufgenommen. Schenkungen von kirchlichen Einkünften, Zehnten, Dörfern, Hörigen:, kultivierten Liegenschaften, Mühlen und Backöfen sind verboten. Klostergründungen dürfen nur in abgelegenen, unbewohnten Gegenden vorgenommen werden.
Diese Satzung bringt Cîteaux sogleich in Gegensatz zu Cluny und zeigt auf der anderen Seite gleichzeitig, wie überzeugt Alberich von der Ausbreitung der neuen Ordensreform ist. Auf ihn geht auch der Wechsel des Ordenskleides zurück. Trug man bislang eine schwarze Ordenstracht, so trägt man jetzt ein weißes Gewand (Habitat und Kukulle) aus Schafswolle. Skapulier, Arbeitshabit und Reisekukulle sind jedoch aus grauem Stoff. Der weite, faltige Schnitt und der winterliche Pelzbesatz der Tracht von Cluny werden abgelehnt. Diese Änderung der Ordenstracht ist bei allen Reformen ein nicht zu unterschätzender Punkt der gegenseitigen Abgrenzung. Diese nicht nur äußerliche Abweichung des neuen Klosters führte in der Folgezeit zu jahrzehntelangen Auseinandersetzungen mit Cluny, dem Molesme ja unterstand.
Stephan Harding
Dem Abt Alberich folgte nach seinem Tod (26.1.1108) der Prior des Klosters, Stephan Harding, im Amt nach. Stephan Harding, ein adliger Engländer, war 1069 in das Benediktinerkloster Sherborne eingetreten und bei der Bedrohung der angelsächsischen Klöster durch die Normannen über Schottland und Italien nach Frankreich geflohen, wo er in Paris studiert hatte. Um 1085 tritt er unter Abt Robert in Molesme ein und schließt sich dort der Reformbewegung um den Abt an und zieht mit ihm nach Cîteaux. Als Abt forderte er für liturgische Geräte und Gewänder größtmögliche Einfachheit, die sich für den Orden prägend und bestimmend auswirken sollte.
In der Absicht, die reine, ursprüngliche Regel des hl. Benedikt anzustreben (rectissima via sancte regule), fanden die Zisterzienser so zu einem Ausgleich zwischen dem Opus Dei (göttlichen Offizium), der Lectio divina (geistlichen Lesung) und der Labor manuum (Handarbeit). Diese drei entscheidenden Stützen bedingen sich zum Teil gegenseitig. Der Verzicht auf Eigenkirchen und verpachtete, zinsbringende Klostergüter erfordert die Aufnahme von Laienbrüdern und macht zeitraubende Handarbeit auch der Mönche notwendig, wobei dies nur möglich ist, wenn das allzu feierliche und überladene Chorgebet der Cluniazenser reduziert wird. Hierbei wird das Opus Dei neu beseelt; Kürze, Einfachheit und Innerlichkeit werden (bis in die Baukunst hinein) kennzeichnend für den neuen Orden.
Die Lectio divina findet ihren Ausdruck in neuen Formen der Frömmigkeit, wie der Verehrung des Herzen Jesu, der Fronleichnamsfrömmigkeit und besonders der Marienverehrung. Aber auch die Vorliebe zur Geschichtsschreibung resultiert aus der Liebe zur Lectio (erwähnt sei hier neben vielen großen Namen wie Otto v. Freising, Herbert v. Clairvaux, Konrad v. Eberbach u. a. etwa Caesarius von Heisterbach). Ein Ausdruck des Labor manuum ist die Leistung des Ordens als Kulturpionier in den Grenzregionen Europas (hier sind im 12. und 13. Jh. vor allem die Kolonisation der osteuropäischen Länder durch deutsche Zisterzienser zu nennen und die Leistungen des Ordens etwa in den Bereichen Pferde- und Fischzucht, Obstzucht, Obst- und Weinanbau und auch im Bergbau).
Das Kloster von Clairvaux
Nachdem sich etwa ab 1110 durch Schenkungen die wirtschaftliche Lage des Klosters verbesserte, beginnt der Konvent von Cîteaux zu wachsen. Der entscheidende Schritt für den Orden steht aber noch bevor: 1113 tritt der burgundische Adlige Bernhard von Fontaine mit etwa 30 Freunden und Verwandten in das Kloster ein. Die Ankunft Bernhards führt zu einem gewaltigen Aufschwung des neuen Ordens mitten im Einflussbereich von Cluny. Der nun einsetzende starke Zuwachs an Mönchen machte Neugründungen notwendig (von Clairvaux wird z.B. eine Konventsgröße von 700(!) Mitgliedern überliefert, wobei die meisten Mitglieder sicher Konversen sind; von Pontigny weiß man, dass auf 100 Mönche 300 Konversen kamen). Abt Stephan schickt bereits einen Monat nach Bernhards Eintritt zwölf Mönche nach La Ferté, um hier ein erstes Tochterkloster zu gründen. 1114 wird Pontigny, 1115 werden Clairvaux und Morimond gegründet. Gründerabt von Clairvaux wird der fünfündzwanzigjahrige Bernhard, der erst seit zwei Jahren dem Konvent angehört, dessen asketische Energie seinen Oberen aber nicht verborgen geblieben ist. (Hier stirbt Bernhard auch im Alter von 63 Jahren am 20. August 1153, nachdem er 40 Jahre Mönch und 38 Jahre Abt war.)
Die Primarabteien
Diese rasche Ausbreitung des Ordens erfordert nun eine Organisation, die Abt Stephan in der ,carta caritatias’ festlegt. Entscheidend hierin ist die weitgehende Selbständigkeit der einzelnen Klöster und ihrer Äbte. Den vier Primarabteien La Ferté, Pontigny, Clairvaux und Morimond wird neben dem Stammkloster Cîteaux eine gewisse Vorrangstellung zugestanden. In Cîteaux jedoch sollen sich die Äbte zum jährlichen Generalkapitel versammeln, das als oberste Aufsichts-, Regierungs- und Gerichtsinstanz des Ordens über die neuen Klöster wacht. Jährliche Visitationen dienen hierbei der Kontrolle und werden später nach erfolgter Filiation durch die jeweilige Mutterabtei durchgeführt.
Als Abt Stephan Harding 1133 stirbt, existieren bereits 75 Klöster; 20 Jahre später, beim Tod Bernhards, 355 Klöster, am Ende des 12. Jahrhunderts zählt der neue Orden 530 Klöster, die nach dem Wort Stephan Hardings sich ausrichten: "Wir wollen in einer Liebe, unter einer Regel und einheitlichem Brauchtum leben (una caritate, una regula similibusque viviamus moribus)" (Carta caritatias).
Bernhard von Clairvaux
Für die weitere Entwicklung des Ordens ist schließlich – wie oben angedeutet – das Wirken Bernhards von entscheidender Bedeutung. Bernhard machte als Abt von Clairvaux nicht nur Kirchengeschichte, sondern auch Weltgeschichte. Sein Name verschafft dem Orden in der römischen Kurie Ansehen und Einfluss. Clairvaux war zwischen 1125 und 1137 ein Mittelpunkt des Abendlandes. In dieser spannenden Zeit des Schismas, in der Bernhard zum Schiedsrichter berufen wurde und sich hinter Papst Innocenz II. stellte, in der Auseinandersetzung mit Abälard, zur Zeit des 2. Kreuzzuges und der grundsätzlichen Auseinandersetzung mit Cluny und der damit bedingten Festschreibung des eigenen Weges des neuen Ordens, kamen am 25. August 1133 Mönche aus Morimond auch zur Stammburg der Grafen von Berg, dem alten Berge (Vetus Mons), Altenberg, um hier ein neues Kloster zu gründen, das Monasterium s. Mariae de Berge, Vetus-Mons.
Ausgewählte Literatur
Schneider, Ambrosius: Die Geschichte der Cistercienser. In: Schneider, k u.a. (Hrsg): DieCistercienser. Geschichte-Geist-Kutist. Köln, 3.1986. Elm, Kaspar: Die Anfänge des Zisterzienserordens. In: Die Zisterzienser. Ordensleben zwischen Ideal und Wirklichkeit. Katalog der gleichnamigen Ausstellung in Aachen. Köln 1980. Décarreaux, Jean: Geschichte des benediktinischen Mönchtums. In: Benedictus. Symbol abendländischer Kultur. Stuttgart, Zürich 1997 Jedin, Hubert (Hrsg.): Handbuch der Kirchengeschichte. Band III, 10: Vom kirchlichen Frühmittelalter zur gregorianischen Reform. Herder, Freiburg etc. 1985, S. 523 – 525. Band III, 2: Die mittelalterliche Kirche vom Hochmittelalter bis zum Vorabend der Reformation. Herder, Freiburg etc. 1985, S.19 – 23. Lexikon für Theologie und Kirche. Band 10 (Teufel – Zypern). Herder, Freiburg 1965.S. 1382 ff